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«Wer jung ist, wird sich im Ausland umsehen»
Ihr Staat ist fast pleite, ihre Zukunft düster. Kommen die Griechen nun zu uns? Der Soziologe Gianni D’ Amato rechnet tatsächlich mit einer Auswanderungswelle.Gianni D’Amato ist Professor für «Migration» und «Citizenship Studies» an der Universität Neuenburg und Direktor des Schweizerischen Forums für Migrations- und Bevölkerungsstudien.
Herr D’Amato, die Krise in Griechenland hat zu Ausschreitungen und sogar zu Todesopfern geführt. Kommt es nun zur grossen Auswanderungswelle?
Ob sie gross wird, weiss ich nicht, aber eine Auswanderungswelle wird sicher stattfinden. Insbesondere unter Leuten, die gut ausgebildet sind und Chancen haben, anderswo in Europa, Nordamerika oder Australien, eine bessere Position zu finden. Vor allem für Staatsangestellte, die mit Lohnkürzungen rechnen müssen sowie für akademisches oder medizinisches Personal wird es nicht sehr attraktiv sein, in Griechenland zu bleiben. Wer jung und mobil ist und keine familiären Verpflichtungen hat, wird sich darum bestimmt im Ausland umsehen.Wie fühlen sich die griechischen Bürger?
Sie sehen die Krise sicherlich als Katastrophe und Tragödie. Griechenland ist ja eines der grossen Nationalprojekte aus dem 19. Jahrhundert und wurde in den letzten 20, 30 Jahren zu Boden geritten. Das empfinden viele Griechen als Betrug – auch wenn sie zum Teil sich selbst betrogen haben. Insofern ist es das totale Erwachen: Kürzungen und Modernisierungen müssen stattfinden, eine Alternative dazu gibt es nicht. Ein Ruck geht durch das Land, wie wir jetzt mitverfolgen können.Wird die Krise auch in einer Art nationaler Identitätskrise münden?
Eine Krise ist es ganz klar. Ob es auch eine Identitätskrise ist, ist eine andere Frage. Das würde ja heissen, dass man sich überlegt: Was ist unser Weg? Was ist unser Platz? Ich denke, Griechenland hat diese Fragen schon in den Befreiungskriegen im 19. Jahrhundert geklärt. Das Land ist insofern konsolidiert.Dennoch wird sich die Krise nachhaltig auf das Leben der Griechen auswirken.
Die finanzielle Krise wird eine gesellschaftliche Krise nach sich ziehen. Zwangsläufig wird es zu Umverteilungen kommen müssen. Entweder wird man das geordnet bewältigen können oder in einer konfliktreichen Phase. Und hier haben die Griechen bereits in den 1940er-Jahren gezeigt, dass sie zum Bürgerkrieg fähig sind. Weil das Setting um Griechenland ein ganz anderes ist, wird das nicht mehr passieren. Doch diese Leidenschaft ist in Griechenland nach wie vor vorhanden.Die Griechen sind ein stolzes Volk – wie stark leidet der Patriotismus?
Man könnte es in dieser Situation ja auch als patriotisch ansehen, es allen zu zeigen: Wir sind bereit, zu handeln und tun alles, um die Regierung zu unterstützen. Doch ich habe Freunde in Irland, die angesichts der Krise ebenfalls mit schweren Einbussen konfrontiert sind. Da hört der Patriotismus rasch auf. Und man überlegt sich, ob die Heimat noch das richtige Pflaster ist.Wo denn sonst?
Die Griechen waren in der Geschichte überall zu finden, im ganzen Mittelmeerraum. Auch in den USA, in Kanada, Australien oder Südamerika gibt es viele Griechen. Für Leute, die ein gutes Netzwerk haben, ist eine transnationale Option also durchaus möglich.Wie gross ist das Griechen-Netzwerk in der Schweiz?
Es ist intakt, aber früher, in den 60er- und 70er-Jahren, war es wohl grösser. Deutschland und Frankreich sind eher die Ankerpunkte für Griechen in Europa.Also wird es keine Einreisewelle in die Schweiz geben?
Das würde mich überraschen.Vielleicht sind die kulturellen Unterschiede zu gross.
Griechen kennen keine kulturellen Unterschiede. Sie sehen sich als europäische Kultur, sie sind sozusagen Europa. Griechen haben ein transnationales, diasporisches Verständnis von Gemeinschaft. Sie fühlen sich überall wohl: Wo Griechen sind, ist Griechenland. -
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