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Journalisten streiken gegen Korruptionsaffäre
Griechenland 24 Stunden ohne NachrichtenKeine Nachrichten, keine Informationssendungen, keine aktuellen Berichte: Griechenland ist seit heute Morgen von der Berichterstattung abgeschnitten. Der Grund: Aus Protest gegen eine Korruptionsaffäre streiken die Journalisten im ganzen Land.
Von Ulrich Pick, ARD-Hörfunkstudio Istanbul
Wer heute das griechische Radio oder Fernsehen anstellt, bekommt zwar reichlich Musik und Unterhaltung präsentiert. Auf Nachrichten oder Informationssendungen muss aber verzichtet werden. Denn seit heute Morgen sind alle Journalisten des Landes in einen 24-stündigen Streik getreten. Und der soll erst morgen früh mit den 6-Uhr-Nachrichten enden.
"Sie hören Athen 98,4", Musik – und dann eine Frauenstimme: "Seit Dienstag sechs Uhr werden keine Nachrichten und Informationssendungen wegen des 24-stündigen Streiks der Gewerkschaft der griechischen Journalisten gesendet. Unsere Forderungen sind: Sofortige Rückzahlung der für den Kauf von Obligationen ausgegebenen Gelder und volle Aufklärung der Angelegenheit."
Mit Infoboykott gegen KorruptionHintergrund des Nachrichten- und Informationsboykotts, durch den morgen auch keine Zeitungen erscheinen werden, ist eine Korruptionsaffäre. Diese betrifft die Renten- und Pensionskasse der griechischen Journalisten. Beträge in dreistelliger Millionenhöhe sollen aus der Altersversorgung in Staatsanleihen investiert worden sein, wovon dann Börsenmakler mutmaßlich durch Hinweise aus höheren Staatsstellen mit übertrieben hohen Provisionen profitiert hätten.
Dass die Geschichte keine Zeitungsente ist, sondern ein Trick, der mit der Begründung eingefädelt wurde, man wolle das Staatsdefizit mildern, zeigte sich schon vor gut eineinhalb Wochen. Am 28. April nämlich entließ Regierungschef Kostas Karamanlis bereits wegen dieses Skandals seinen Arbeits- und Sozialminister Savvas Tsitouridis. Mit dem heutigen Streik demonstriert der griechische Journalisten-Verband zudem auch für mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen seiner Mitglieder. Wer trotz des Infoboykotts in Griechenland heute dennoch nicht auf Nachrichten verzichten will, muss zyprisches Radio hören. Dort bekommt er zumindest die Weltnachrichten mit. Meldungen aus Hellas bleiben aber auch dort Fehlanzeige.
glückliches griechenland: ein tag stille
Tu felix Graecia. Hörst du die Stille? Siehst du das Nichts? Fühlst du die sanfte Leere? Ach, Griechenland, du frohester und freiester Ort der Welt. Zwar bist du sonst ja eins der krachigsten und raudauigsten Länder des Planeten. Aber gestern war alles anders. Götterbote Hermes hatte die geflügelten Schuhe ausgezogen und die müden Füße hochgelegt: Von sechs Uhr morgens an gab es am Dienstag in allen Radio- und Fernsehsendern Griechenlands wegen eines Streiks der Redakteure keine Nachrichten und keine Informationssendungen. Und plötzlich erkanntet ihr Griechen, dass es auch ohne all das sehr gut geht. Denn nichts, rein gar nichts geschah an diesem glorreichen Dienstag. Nicht eine Sau wurde durchs göttlich stille Mediendorf getrieben, kein Trottel aus Politik oder Pop durfte sein blitzlichtgeiles Olympierhaupt in die Kamera halten. Ihr Griechen lieft mit einem Lächeln auf dem Antlitz durch die Straßen des Landes, und das Sein war ein himmlisches, ein paradiesisches. Für ganz Hellas war es der schönste Tag seit langen Äonen. Und er sei euch, ihr glücklichen Griechen, neidlos gegönnt.
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